Gertrud Heinzelmann
Gertrud Heinzelmann

Von Barbara Kopp / 17. 6. 2014. Bildergeschichten VII. Gertrud Heinzelmann und Laure Wyss, die Juristin und die Journalistin, bildeten publizistisch eine Frauenseilschaft. Ein wirkungsvolles Team, beherzt und scharfzüngig. Laure Wyss schrieb über die Kollegin im „Tages-Anzeiger“:

„Sie hat seit jeher handfest und sprachlich träf gekämpft, diese Feministin Heinzelmann, eine der wenigen waschechten unseres Landes. Mit dem, was sie schrieb, konnten wir Frauen unmittelbar etwas anfangen. Die Männer übrigens auch, wenn sie es lasen, aber sie haben natürlich an der Entlarvung der für sie vorteilhaften Herrschaftsverhältnisse weniger Interesse als wir.“ Gertrud Heinzelmann war die erste Ombudsfrau der Schweiz. Sie leitete das „Büro gegen Amts- und Verbandswillkür des Migros-Genossenschafts-Bundes“ und beriet juristisch, wer vom Staat oder von einem Verband ungerecht behandelt wurde. Lehrerinnen aus Glarus kamen zu ihr, weil sie nach der Heirat nicht mehr unterrichten durften, oder eine Architektin aus Hallau, die vom Gemeinderat am Bauen gehindert wurde. Und immer wieder kamen Frauen, weil sie für dieselbe Arbeit einen Drittel weniger Lohn als die Männer erhielten. Gertrud Heinzelmann schrieb über ihre Fälle pfeffrige Artikel und Laure Wyss setzte im „Tages Anzeiger“ dazu Titel wie: „Der Bundesrat – ein Freund der Frauen?“ Oder: „Prestigedenken – die Form Schweizerischer Korruption“.

Wie Laure Wyss zog auch Gertrud Heinzelmann mit Steigeisen und Eispickel in die Berge, geklettert sind die beiden nie zusammen. Von ihrer Herkunft und auch von ihrem Charakter waren sie recht unterschiedlich. Gertrud Heinzelmann, ein Jahr jünger, war im „Schwarzen Erdteil“ aufgewachsen, wie das katholische Freiamt genannt wurde. Sie blieb diesem Aargauer Flecken verbunden und kämpfte ihr Leben lang gegen die Diskriminierung der Frauen in der katholischen Kirche an. Die Weltläufigkeit und Wendigkeit der Bielerin Laure Wyss hatte sie nicht. Gertrud Heinzelmann war eine analytisch scharfe Denkerin mit ungeheuerem Beharrungsvermögen. Zum Zweiten Vatikanischen Konzil forderte sie 1962 von Papst Johannes XXIII. Priesterinnen und kritisierte die Frauenverachtung in der Theologie. Keine Frau vor ihr hatte solches gewagt.

Nach der Pensionierung vernichtete Gertrud Heinzelmann die Akten aus ihrer Zeit als Ombudsfrau. Laure Wyss schreib sie:

„Die Artikel habe ich behalten. Und ich habe nochmals Briefe zwischen unseren Büros gelesen zu den tollen Fällen, die wir lanciert haben – weißt Du noch… Es war eine schöne Zeit. Du bist mir als ausgezeichnete berufliche Partnerin und Freundin vor Augen gestanden – solidarisch zu einer Zeit, da böse Zungen noch sagten, Frauen könnten nicht solidarisch sein.“

Solidarität hatte Gertrud Heinzelmann nur von einzelnen erhalten. Als sie die katholische Kirche anprangert hatte, erging es ihr wie Iris von Roten, der Autorin des Emanzipationsbuches „Frauen im Laufgitter“: Verrisse und Spott in allen Schweizer Zeitungen. Die Seilschaft mit Laure Wyss existierte damals noch nicht.

Zum 100. Geburtstag von Gertrud Heinzelmann brachte der Limmat Verlag die Biografie „Die Unbeirrbare. Wie Gertrud Heinzelmann den Papst und die Schweiz das Fürchten lehrte“ von Barbara Kopp als E-Book heraus.

Bild links: ca. 1932 (Nachlass Gertrud Heinzelmann, Gosteli-Stiftung, Archiv zur Geschichte der schweizerischen Frauenbewegung, Worblaufen).

Bild rechts: ca. 1936, (Privatarchiv Claudia Roederer). Zitate: Tages-Anzeiger, 01.02.1969, 19.12.1986; Tages-Anzeiger Magazin, 20.06.1970. Gertrud Heinzelmann an Laure Wyss, 24.03.1987, Nachlass Gertrud Heinzelmann, Gosteli-Stiftung, Archiv zur Geschichte der schweizerischen Frauenbewegung, Worblaufen.