Worte zur Mutterschaft

Posted by & filed under .

Zum Muttertag 1954

«Die uneheliche Mutter hat alles allein auszuessen, darüber tröstet auch die Bezahlung der Alimente nicht hinweg. Es ist auch hier so: es gibt wohl uneheliche Mütter, aber haben Sie schon je uneheliche Väter angetroffen?

Eines Tages sagt der Arzt, was man ahnte: ‚Sie sind schwanger.‘ Da steht man da, vom Donner gerührt, Schwierigkeiten innen und aussen turmhoch vor sich, uns so ziemlich jeder Ausweg ist vermauert. Es ist schön, wenn man es in diesem Augenblick mit einem sachlichen und zugleich einem gütigen Arzt zu tun hat. […] Nachher geht man dann nach Hause und ist zuerst einmal mit sich und seinem Gewissen allein. Von Höhen stürzt man in Tiefen, um wieder in die nächste Verzweiflung gerissen zu werden. Man zermartert sich das Gehirn nach Auswegen und wusste doch von Anfang an, dass es nichts anderes gab, als durchzustehen. […]

Die letzten zwei Wochen vor der Geburt nahm mich eine Freundin auf. Sie war der erste Mensch, der sich zusammen mit mir auf das kleine Wesen freute, sich mit mir sorgte.

Dann kam der Weg ins Spital und die schönste Zeit meines Lebens. Ich möchte das vor lauter Dankbarkeit ganz laut in die Welt singen. In dem Augenblick, wo man als Gebährende ins Spital kommt, ist alles, was nicht stimmt am Zivilstand, alles, was im bürgerlichen Dasein überbewertet wird, von einem genommen. Man wird respektiert als eine Frau, die ein Kind auf die Welt bringen wird. Können Sie sich vorstellen, was das bedeutet, nachdem man sich monatelang verfemt vorkam?»

Wir Brückenbauer, Nr. 19, Mai 1954.

Zum Muttertag 1956

«Vergessen wir an diesem Tag nicht die vielen Mütter, welche – die Zeiten haben es mit sich gebracht – heute ganz allein die Verantwortung für die Erziehung ihrer Kinder tragen. Immer mehr, und das beachtet man vielleicht zu wenig, rückt die Mutter zum Oberhaupt der Familie auf. Nicht immer freiwillig freilich und manchmal aus einer bösen Not heraus. Da ist ein Vater, der im Beruf überlastet ist oder auswärts arbeitet und überhaupt nur während der Schlafenszeit seiner Kinder zu Hause ist und eine notgedrungen immer nebensächlichere Rolle spielt. Wie viele Familien sind heute ihres Vaters beraubt, und die Mutter ist die Ernährerin und Erzieherin ihrer Kinder. Es wäre vielleicht an der Zeit, einmal am Muttertag die Geschichte der Mutter, die lieb am Bettchen ihres Kindleins wacht und verträumt strickt, fallen zu lassen und von der Mutter zu erzählen, die sich im harten Berufsleben für ihre Kinder einsetzt, sich abkämpft, weil kein Mensch ihr beisteht. Vielleicht ist diese Mutter eine, die äusserlich dem so beliebten, traditionellen Mutterbild nicht entspricht. Vielleicht ist sie sogar eine mondän aussehende Frau, die mit viel Mut und viel Unerschrockenheit sich für ihre Kinder einsetzt und ihnen das Leben einer exemplarischen Mutter vorlebt, auch wenn sie tagsüber im Büro sitzen muss. Sie tut es nämlich nicht nur immer aus Drang nach Selbständigkeit, den man den Erfolgreichen so gerne anhängt, sondern aus einer bitteren Notwendigkeit heraus.»

Luzerner Tagblatt, 12.05.1956.

Zum Muttertag 1966

«Einen Augenblick heute natürlich für den Muttertag! Wieder werden im Land herum viele Bilder zu sehen sein, wo glückliche Mütter – mondäne oder solche in Tracht, schaffige oder hübsche – ihre kleinen Kinder an Herz und Wange drücken. Das mag für diesen Maiensonntag recht sein, und wer würde sich nicht an solcher Lieblichkeit herzlich freuen! Auch sollte man nicht müde werden, die Mütterlichkeit in unserer nüchternen Welt zu loben und hoch zu halten. Wer das tut, wird aber auch sehr genau

wissen, dass es an sich noch kein Verdienst ist, das süsse Fleisch seines kleinen Kindes zu hegen und zu pflegen und glücklich zu sein damit. Schwierig wird es mit dem Glück der Mutterschaft erst, wenn die Süsse verfolgen, wenn andere Werte eingesetzt werden müssen als Puder, Jäckchen und Wiegenlied, kurz, wenn es aufs Erziehen ankommt. Und die Mütterlichkeit sollte eigentlich erst dann gefeiert und bedankt werden, wenn sie sich beispielsweise an ‚ungattigen‘ Halbwüchsigen einigermassen bewährt hat. Und man stellt dann erstaunt fest, dass Kinder aufzuziehen, sie zu nähren und kleiden, sie zu ertragen und zu führen und sie mit allen Schwierigkeiten zu lieben etwas wesentlich anderes ist, als sie auf die Welt zu stellen. Wem solche Erziehung jeden Tag des Jahres gelingt, der hat seine Mütterlichkeit unter Beweis gestellt! (Wer weiss, vielleicht sind es gar nicht immer die Mütter selber, die sich so bewähren, vielleicht sind es Väter oder sind es Heimleiterinnen oder was weiss ich!)

In diesem Sinne jedenfalls versuchen wir, in ‚Leben heute‘ den Muttertag in etwas anderer Weise zu feiern. Wir machen aufmerksam auf die Probleme, welche die Familie in der heutigen Zeit in besonderer Weise angehen: das Wohnen etwa und die Tatsache, dass die Frau und Mutter heute – aus verschiedenen Gründen – Familie und Erwerb unter einen Hut bringen muss.»

TA 7/ Tages-Anzeiger, 07.05.1966.

Frei für Radikales

«Es ist eigentlich wie am Anfang, als sie das Abenteuer einging, ein Kind in die Welt zu stellen, weil sie ein Kleines lieben, hegen und pflegen wollte, sich gar keine Vorstellungen machen konnte, wie das sein würde, aber mit unbändiger Lust durchsetzte, was sie wollte. Das Abenteuer hat sie verändert. Sie weiss nun besser als vorher, dass nichts sicher und verlässlich ist und dass die Stube des Alters und des Alleinseins nicht mit Kindern ausstaffiert werden darf.
Es sind noch Jahre mit Leben zu füllen. Keine Verpflichtungen, keine Hemmung, frei für Radikales. Kein weinendes Kind, das unsichere Unternehmungen wie Wohnungswechsel, Änderungen im Beruf der Mutter, unorgansierte Ferien fürchtete, aber einen jungen Menschen in einiger Distanz, der aufmunternd applaudiert, wenn die Mutter Initiative entwickelt. Die Knechtschaft, die süsse Knechtschaft, in die man sich freiwillig begab, ist aufgehoben.
Söhne, übrigens, sind die einzigen Männer, welche Frauen, ihre Mütter nämlich, zu Taten in Freiheit und Unabhängigkeit aufstacheln, weil sie sie dadurch loswerden. Ehemänner und Liebhaber haben ein Interesse daran, ihre Partnerinnen an die Wiege festzubinden, ins Kinderzimmer einzusperren. Sie gewinnen dadurch an eigener Freiheit, machen Frauen unschädlich. Ihr Tun aber wird gelobt, weil sie ja die Mutterschaft verehren. Solange Frauen Kinderlieder singen, haben sie keine Worte, ihre Unterdrückung zu formulieren. Und wie praktisch ist es, sich als Mutter verehren, sich als aufopfernde Mutter zelebrieren zu lassen. […] Ein Mutterdasein muss zu Lebzeiten abgestreift werden wie eine Haut, die zu gross geworden ist.»

Mutters Geburtstag, Limmat Verlag, Zürich 2004 (Erstausgabe 1978).